Herr Hauner, wir brauchen keine fettreduzierten Burger

Gestern staunte ich mal wieder nicht schlecht, als ich im Handelsblatt Spezial las, dass Hans Hauner – vielzitierter und gernbefragter Ernährungsmediziner und Professor der TU München – und Kollegen in Zusammenarbeit mit McDonalds fettärmere Burger „erproben“, die dennoch schmecken sollen. Bravo.

tatar-teller-2

Wir brauchen ja vieles. Natürlichere Nahrungsmittel zum Beispiel. Und besser gekennzeichnete Zuckerbomben. Und Joghurts mit echten Früchten fände ich prima. Vielleicht wäre es sogar hilfreich, wenn die Zutatenlisten in (gefühlter) Schriftgröße 4,5 auf der Verpackungsrückseite nicht das Gegenteil von der Produktvorderseite berichten würden. Aber fettarme Burger, da bin ich mir fast sicher, brauchen wir nicht.

Ich habe mich schon vor ein paar Jahren gewundert, als ich vom Projekt zur Erforschung fettreduzierter Nahrungsmittel vom Forschungskreis der Ernährungsindustrie hörte. Realisiert wurde das sogenannte „Clustervorhaben“ durch eine gemeinsame Initiative der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), der AiF (Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen) und des FEI (Forschungskreis der Ernährungsindustrie) sowie durch Förderung des BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) im Rahmen des Programms zur Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF). Hui, der Satz verursacht schon Schwindelgefühle beim Lesen. Mittlerweile ist das Projekt abgeschlossen. Was dabei herausgekommen ist, lässt sich leider nicht genau nachvollziehen. Im Wesentlichen ging es wohl darum, Technologien zu erforschen, die im Lebensmittel einen hohen Fettgehalt vortäuschen simulieren, aber dieses nicht enthalten. Prost Mahlzeit.

Das Motto jedenfalls ist immer das Gleiche: Gelobt sei der Kampf gegen das Übergewicht in Deutschland. Dass die Fett- und Cholesterinphobie, die Lightprodukte-Invasion und die undifferenzierte Hetze gegen Fleisch, Milch oder gesättigte Fettsäuren der letzten 50 Jahre nicht zum gewünschten Erfolg führte, müsste doch mittlerweile auch mal bei der Industrie angekommen sein. Sie schafft es schließlich auch in – wie ich finde – atemberaubender Zeit, auf Ernährungstrends wie vegane, gluten- und laktosefreie Produkte um- bzw. aufzusatteln. Nur mit der Zucker-, Weißmehl- und Billigfett-Reduktion in Lebensmitteln hat sie so ihre Schwierigkeiten. Dafür kann uns die Industrie mit einer Vielzahl an Zusatzstoffen wie Süßstoffen und Zuckeraustauschstoffen, Verdickungs- und Konservierungsmitteln, Säureregulatoren und Säurebildnern, Antioxidationsmitteln und Stabilisatoren, Schaumverhütern und Schaumbildnern, Trennmitteln und Komplexbildnern, Füllstoffen und Geliermitteln, Geschmacksverstärkern und Packgasen beeindrucken. Nicht zu vergessen die über 3.800 gelisteten Aromastoffe (Stand: 2013). Die Lebensmittelproduktion ist heute ein hochtechnisierter Prozess, der mit grünen Wiesen, gemütlich grasenden Kühen oder liebevoll von Kinderhand geschwenkter Milch so gar nichts mehr zu tun hat. Und diese Produkte sollen uns gut tun?

Herr Hauner jedenfalls ist der Ansicht, dass weiterverarbeitete Nahrung nicht grundsätzlich schlechter ist. Stimmt. Nur bei der weiterverarbeiteten Nahrung, die ich kenne, ist dem leider nicht so. Und Herr Hauner gesteht ein: „Während unsere Nahrungsmittel früher etwa 1 Kalorie pro Gramm enthielten, enthält Industrienahrung heute das 3-fache.“ Ihr könnt ja mal ausrechnen: wenn wir täglich nur 2 Portionen à 500 g essen würden, wie viele Kalorien waren es früher und sind es- nach obiger Rechnung zumindest – heute? In der Praxis gestaltet sich das natürlich differenzierter.

Verschiedene Untersuchungen verweisen darauf, dass hochverarbeitete Produkte, bei denen eine Vielzahl natürlicher Inhaltsstoffe verändert oder ausgetauscht wurde, zu einer insgesamt höheren Mengen- und Energiezufuhr bei gleichzeitig reduzierter Nährstoffzufuhr führen. Warum sollte dies ausgerechnet bei fettreduzierten Produkten, die nach „Fett“ schmecken, wo es dann allerdings fehlt, anders sein? Wer sich dieser Masche entziehen will, sollte natürlichen, möglichst unverarbeiteten Produkten seine Aufmerksamkeit schenken.

Und dann dürfen es auch getrost die fettreicheren Varianten sein. Probiert es doch mal aus: ein fettarmer Joghurt mit Süßstoff und Fruchtaromen im Vergleich zum griechischen 10%-Joghurt mit echten Blaubeeren. Was sättigt wohl besser? Und wie lange? Und was macht zufriedener? Ja ich weiß, Joghurt mit Blaubeeren ist kein Burger. Aber dann gebe ich dem selbstgemachten Burger definitiv den Vorzug. So ein fettreduziertes Etwas in einem Pappe-Brötchen kommt mir jedenfalls nicht auf den Teller.