Ein Abend in der Flüchtlingsunterkunft. Station Erstversorgung.

Ich hatte Bedenken. Und bestimmt auch Vorurteile. Aber vor allem hatte ich Berührungsängste. Ein guter Grund, mich auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls etwas zu unternehmen. Berührungsängste vor Flüchtlingen? Warum? Lebe doch in Aachen, da gehören Ein- und Auswanderer, Geflohene, Gäste und Gastarbeiter zum Stadtbild. Peinlich, denke ich mir.

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Foto: Couscous mit Falafel, Joghurtsauce, Weißbrot und etwas Obst (Nachbau!).

Eine gute Freundin in Berlin ist da weniger bekümmert als ich. Oder schlichtweg weiter. Sie arbeitet in Berlin einmal wöchentlich in einer Notunterkunft für Flüchtlinge. Betrieben wird die Traglufthalle in der Kruppstraße von der Berliner Stadtmission in Zusammenarbeit mit dem Land Berlin. Die hohe Zahl der täglich ankommenden Flüchtlinge macht eine Unterbringung in einer regulären Unterkunft nahezu unmöglich. Deshalb kommen Traglufthallen zur kurzfristigen Unterbringung zum Einsatz. Als ich mal wieder eine Woche in Berlin plane, frage ich sie, ob ich nicht mal mitkommen kann. „Klar!“ sagt sie ohne Umschweife und trägt mich für den betreffenden Donnerstag mit ein. Danke dafür, liebe Freundin.

Ich habe vieles erwartet, oder auch nichts. So ganz genau kann ich das heute gar nicht mehr sagen. Jedenfalls habe ich nicht mit einer so guten Organisation gerechnet. Und nicht nur die Organisation war beeindruckend, sondern auch das Team. Ich helfe an diesem Abend bei der Essensausgabe von der Küche aus. Die Hygienestandards der Küche übertreffen wahrscheinlich viele derjenigen in Kneipen und Imbissen oder Restaurants (reine Vermutung aufgrund von Medienberichten). Hammer. Alles blitzeblank und sauber. Ich muss ein Haarnetz tragen. Und Handschuhe. Dann geben wir das Essen aus. 1 große Kelle Couscous mit 4 Falafelbällchen und Joghurtsauce sowie ein paar Weißbrotscheiben und etwas Obst. Manchmal gibt es Nudeln und manchmal Reis, manchmal Suppe. Die Teller kommen in Hände von Menschen mit leuchtenden Augen. Ich mag sie. Sie sind freundlich. Und ruhig. Einige Kinder rufen schelmisch „Hallo“ und warten ganz gespannt auf die Reaktion der Küchencrew. Sie grinsen dabei. Klar sind nicht alle glücklich. Aber für den Moment scheint es so, als kommen sie zur Ruhe. Im Nu sind 200 Essen raus.

Wir putzen dann noch die Küche. Ein paar Flüchtlinge kümmern sich um ihre Essensplätze und säubern die gesamten Tische. 5 Meter weiter toben Kinder im „Kinderparadies“. Ein paar junge Männer spielen Tischtennis. Für diesen Moment vergessen sie ihr Schicksal.

Wir haben einen ruhigen Tag, sagt meine Freundin. Sie zeigt mir noch die Familienseparees und die Badenischen. Alles wirkt sauber und gepflegt. Und ich ertappe mich dabei, wie es mich überrascht. Zu geprägt bin ich wohl von all den Berichten. Ich habe Schlimmeres erwartet. So viel zur Realitätsabbildung in den Medien. Das Getöse in den Medien und in den sozialen Netzwerken mag ich auch gar nicht kommentieren. Auch mag ich mich nicht wie so viele über diejenigen äußern, die ein „Problem“ mit der gegenwärtigen (Flüchtlings-)Situation in Deutschland haben. Ignoranz, sagte meine Mutter schon früher, ist das beste und zugleich schlimmste Instrument, um zu zeigen, was man von jemandem hält. Und Niveau ist keine Creme.

Das Gefühl nach diesem Abend ist Dankbarkeit und Demut. Ich gehe mit der großartigen Küchencrew noch ein Bier um die Ecke trinken. Wir überlegen, wo das wohl alles hinführen wird, schimpfen kurz auf die Politik und stellen fest, dass es keine omnipotenten Lösungen aus dem Hut zu zaubern gibt. Fest steht für alle aber eins: helfen, wo geholfen werden kann. Sie gehören für mich zum guten, hellen Deutschland! Ich werde das für mich weiter denken. Bis dahin sage ich danke und schäme mich noch ein bisschen für meine Berührungsängste.

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