Wenn Hühner sprechen könnten…

…dann würden sie uns wohl in vielerlei Hinsicht schwere Vorwürfe machen. Das Huhn hat es nicht nur aus der Sicht des Tierschutzes ziemlich schwer. Nein, auch das Hühnerei hat(te) eine schwere Last zu tragen: die ewige Diskussion um erhöhte Cholesterinspiegel durch Eier will noch immer nicht richtig abreißen.

huehnereier-cholesterin

Die ganze Hysterie um Cholesterin nahm seinen Anfang in den 80-er Jahren. Damals meinten Forscher erkannt zu haben, dass das Cholesterin im Essen mit den hohen Cholesterinwerten im Blut zusammenhängt – und verbannten Cholesterinreiche Nahrungsmittel und Speisen von der Empfehlungsagenda. Denn hohe Cholesterinwerte – so die Experten – erhöhen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Eine logische Konsequenz also, unsere Lebensmittel neu zu sortieren und zu bewerten. Das traf leider auch das Hühnerei. Soweit die Theorie.

In der Praxis aber erwies sich die wissenschaftliche Errungenschaft als untauglich, wie die Medizin und die Ernährungswissenschaft in den letzten Jahrzehnten ja schon des Öfteren bitter erfahren musste. „Fett macht fett“ oder „Viel Cholesterin im Essen macht viel Cholesterin im Blut“ sind zu einfach gedachte Schlussfolgerungen aus wissenschaftlichen Beobachtungen. Das System Mensch aber ist komplizierter und individueller als wir (bislang) überhaupt erfassen können. Und den gesunden Menschenverstand von der Forschung einfach abzukoppeln und erste, meist noch unreife Erkenntnisse unreflektiert in die Praxis zu übernehmen, zählt auch nicht gerade zu den rühmlichen Verhaltensweisen von uns Gesundheitsexperten.

So verwundert es auch nicht, dass eine Cholesterin-arme Ernährung unter bestimmten Bedingungen mit mehr Risiken in Verbindung gebracht wird, als dass sie den Menschen hilft. Inwiefern die globale Pharma- und Lebensmittelindustrie da ihren Einfluss spielen lässt, indem sie zum Beispiel die Grenzwerte für Cholesterin im Blut immer weiter absenkt, um Medikamente (wie die Blockbuster Statine) oder spezielle Lebensmittel (wie die Becel-Margarine) an Mann und Frau zu bringen, vermag ich nicht zu beurteilen. Umso wichtiger ist es, die Menschen darüber zu informieren, dass wir uns geirrt haben und sie – zumindest aus gesundheitlicher Sicht – vermutlich völlig unnötig auf Eier verzichtet haben und zu voreilig Statine verabreicht bekommen haben.

Es könnte sogar das Gegenteil eintreten. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass das (unkontrollierte) Verabreichen von Statinen bei älteren Menschen das Demenz-Risiko erhöhen kann. Wenn man bedenkt, dass Cholesterin ein elementarer Bestandteil jeder Nervenzelle ist und jede einzelne unsere Körperzellen stabilisiert, diese im Alter aber immer mehr absterben und gleichzeitig weniger neue gebildet werden, erscheint die Beobachtung irgendwie logisch. Nur bedachte das eben kaum jemand. Außerdem ist Cholesterin Vorläufer zahlreicher hormoneller Substanzen (wie Vitamin D, Kortison, weiblicher und männlicher Geschlechtshormone) und Botenstoffe. Damit ist es für unseren Körper lebensnotwendig. Nur mit dem Essen aufnehmen müssen wir Cholesterin nicht, denn unser Körper ist in der Lage, die wichtige Substanz selbst zu bilden. Und so produzieren wir täglich zwischen 1.000 und 1.500 mg selbst. Umso mehr Cholesterin wir mit dem Essen aufnehmen, desto weniger produziert der Körper und reguliert damit seinen Bedarf in der Regel selbst. Ausnahme sind bestimmte genetische Vorbelastungen, bei denen die körpereigene Regulation gestört ist. Und natürlich spielen dabei auch andere Lebensstilfaktoren wie Bewegung, Stress und Rauchen eine Rolle.

Halten wir das Wesentliche fest: Cholesterin in tierischen Produkten hat mit den Cholesterinwerten im Blut nur sehr bedingt etwas zu tun. Und Eier vom Speiseplan zu verbannen, erscheint in Anbetracht der enthaltenen Nährstoffe ebenso vermessen. Denn ein Ei

  • deckt nahezu 1/5 des täglichen Bedarfs an Vitamin A
  • liefert etwa 10% des täglichen Bedarfs an Vitamin D
  • enthält nennenswerte Mengen an Vitamin E
  • deckt ungefähr 1/10 unseres täglichen Bedarfs an Vitamin K und
  • versorgt uns mit knapp 15% unseres Eisenbedarfs.

Ein durchschnittliches Ei liefert dabei ca. 90 kcal mit 1 g Kohlenhydrate, 6 g Fett und knapp 8 g Eiweiß. Das Eiweiß ist leicht verdaulich und weist eine Biologische Wertigkeit von 100 auf. Das heißt, dass das Eiweiß von unserem Körper perfekt für eigene Aufbau-, Abbau- und Umwandlungsprozesse genutzt werden kann. Damit sind Eier durchaus den Nährstoffbomben zuzuordnen.

So ganz unproblematisch ist die Diskussion dann aber doch nicht (wie könnte es auch anders sein). Cholesterin im Essen kann tatsächlich unsere Gefäßgesundheit beeinträchtigen. Und zwar dann, wenn wir vorrangig Produkte konsumieren, die nicht mit dem frischen Hühnerei, sondern mit Eipulver hergestellt wurden. Viele der heute in Discountern und Supermärkten angebotenen Fertigwaren werden mit Eipulver produziert. Was hygienisch sinnvoll schien, hat gesundheitlich den Nachteil, dass bei der Produktion des Eipulvers das darin enthaltene Cholesterin mit Sauerstoff in Berührung kommt und dabei oxidiert. Oxidiertes Cholesterin wiederum kann Entzündungsprozesse sowie Ablagerungen in den Gefäßen vorantreiben und die Cholesterinwerte in die Höhe treiben, die langfristig auch das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöhen können.

Zu kompliziert das Ganze? Ach iwo. Mein Tipp: Legt Wert auf eine gute Qualität und greift auf möglichst frische und wenig verarbeitete Nahrungsmittel zurück. Und vielleicht kommen auch wir in Deutschland irgendwann an den Punkt wie die USA. Denn die wollen noch in diesem Jahr die Grenzwerte für Cholesterin im Blut komplett streichen.