Streitpunkt Milch

Während früher noch der Spruch: „Milch macht müde Männer munter“ galt, ist Milch heute in vielen Köpfen ein ungesundes und krankmachendes Lebensmittel. Bei den Argumenten dafür stellen sich mir regelmäßig die Nackenhaare auf.

Um eines vorweg zu nehmen: Niemand muss Milch trinken. Und wir brauchen auch keine Milchprodukte, um genügend Kalzium aufzunehmen. Aber der Bevölkerung Milch als generellen Krankmacher mies machen zu wollen, halte ich aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht für den falschen Weg.

milch-milchprodukte

Ich meine damit nicht, dass es keine Laktoseintoleranz oder Milchallergien gibt. Im Gegenteil: Milch und Milchprodukte zählen zu den Lebensmitteln, die überdurchschnittlich häufig Allergien und Unverträglichkeiten auslösen. Aber das tun Nüsse und Erdbeeren auch. Auch sage ich nicht, dass es keine ethischen Bedenken zur Art und Weise der Milchproduktion gibt. Das ist ein anderes Kapitel und darum geht es hier nicht. Mich interessiert aber, was an den Argumenten tatsächlich dran ist, dass Milch krank machen soll. Betrachten wir einige oft angeführte Gründe also etwas genauer.

1. Argument: Laktose und Casein verursachen Allergien und Unverträglichkeiten

Es ist richtig, dass Laktose bei Menschen mit einer Laktoseintoleranz nicht vertragen wird. Aber eigentlich ist ein Gendefekt die Ursache, nicht der Milchzucker Laktose selbst. Und Casein ist ein Eiweiß in der Milch, auf dass Menschen allergisch reagieren können. Das ist bei Nüssen oder Fisch ein ähnlicher Mechanismus. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Menschen sollten Milch meiden. Für alle anderen ist diese Argumentation irrelevant.

2. Argument: Nur Menschen nutzen Kälbermilch bzw. Milch für den Nachwuchs für ihre Ernährung

Ja, das mag stimmen. Aber auch nur Menschen fahren Autos (zumindest fast). Und auch nur Menschen transplantieren Organe. (Und was viele nicht wissen: Auch Ameisen melken andere Tiere, nämlich Blattläuse.) Das ist somit ein Totschlag-Argument und sagt so gar nichts über die gesundheitlichen Wirkungen von Milch aus.

3. Argument: Milch erhöht das Risiko für Krebserkrankungen

Mhm. Hierzu gibt es Pro- und Kontrastudien – wie in nahezu jeder wissenschaftlichen Fragestellung. Vermutlich ist die Qualität der Milch der eigentliche Risikofaktor, nicht aber das Lebensmittel Milch selbst. Während die hochverarbeitete – sprich pasteurisierte und homogenisierte – Milch von Stallkühen aus Getreidemast den Großteil ihrer gesundheitsfördernden und nährenden Inhaltsstoffe eingebüßt hat, ist dies bei schonend verarbeiteter Weidemilch nicht der Fall. Weidemilch enthält höhere Konzentrationen an CLA – einer konjugierten Linolsäure mit potenziell krebshemmenden Eigenschaften. Ebenfalls höher ist der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, die entzündungshemmend wirken. Zusätzlich enthält schonend verarbeitete Weidemilch mehr Enzyme und Vitamine, die gleichzeitig für eine gute Verdaulichkeit und Verträglichkeit der Milch sorgen sollen.
Untersucht wird zudem meist nur (fettarme) Milch, nicht aber fermentierte Milchprodukte wie Quark, Joghurt oder Käse. Für Joghurt aber sind nahezu ausschließlich positive Wirkungen auf die Gesundheit belegt.

4. Argument: Milch verhindert das Abnehmen.

Milch hat einen verhältnismäßig hohen Insulinindex. Das heißt, dass der Konsum von Milch die Ausschüttung des Aufbauhormons Insulin fördert. Insulin wiederum hemmt die Fettverbrennung und fördert Körpersubstanz-aufbauende Prozesse, also beispielsweise den Aufbau von Körperfett. Auch anderen Milchinhaltsstoffen wie dem Wachstumshormon werden ähnliche Eigenschaften zugesprochen. Bis hierhin ist die These also nachvollziehbar. Andererseits mehren sich die Hinweise, dass das enthaltene Milchfett bzw. bestimmte Fettsäuren (der Weidemilch) das Abnehmen auch unterstützen kann. Schauen wir uns hier die Studien näher an, stellen wir fest, dass zumeist fettarme Milch in Untersuchungen verwendet wird – und dazu meist die noch hoch verarbeiteten Varianten. Fazit: Ob und wie Milch die Abnahme von Körpergewicht behindert, hängt von der Qualität der Milch als auch von individuellen Faktoren ab.

5. Argument: Milch hemmt die Kalziumaufnahme

Auch hier ist sich die Wissenschaft nicht einig. Und auch hier sollte man sich die Forschungsmethoden genauer anschauen. Studien, in denen Milch als Kalziumräuber abschneidet, untersuchten meist nur Zusammenhänge in der Bevölkerung. Einige Völker mit einem hohen Milchkonsum weisen eine hohe Osteoporose-Rate (Knochenschwund) auf. Und – Achtung Überraschung – andere nicht. Schuld soll die negative Wirkung auf den Säure-Basen-Haushalt sein. Warum aber findet der Aufschrei nicht auch beim ebenfalls sauer wirkenden Vollkorngetreide statt? Es bleibt also eine nicht eindeutig belegbare Theorie.

Und nun? Was heißt das für die Praxis?

Menschen, die Milch nicht mögen oder nicht vertragen, sollten die Finger davon lassen. Für diejenigen mit einer Laktoseintoleranz empfehle ich das individuelle Austesten der Verträglichkeit von laktosearmen Produkten wie Butter oder Feta – insofern sie diese Produkte in ihrem Speiseplan vermissen.

Diejenigen, die Milch mögen und gut vertragen, sollen ihre Milch genießen und immer mal wieder in sich hinein horchen, ob ihnen die Produkte (noch) gut tun. Denn auch die Einnahme von Medikamenten oder bestimmte Darmerkrankungen können die Verträglichkeit von Milch herabsetzen und dann das Entzündungspotenzial im Körper erhöhen.

Und diejenigen, die sich nicht sicher sind? Die verzichten vielleicht mal 4 bis 6 Wochen auf Milch sowie Milchprodukte, um zu überprüfen, ob es ihnen dann in einer bestimmten Weise besser geht. Denn das ist es, was wirklich zählt. Milch ist und bleibt ein nährstoffreiches Lebensmittel. Wird der Rohstoff schonend verarbeitet, können auch die daraus hergestellten Produkte wie Joghurt und Käse positive Wirkungen entfalten oder aber einfach nur schmecken. Ich liebe den Geschmack von gutem Käse – egal ob Bergkäse, Feta oder Parmesan.

Aber keinesfalls sind Milchprodukte ein MUSS. Jeder sollte selbst entscheiden, ob und wie häufig er Milchprodukte konsumiert. Dogmatische Belehrungen aber helfen uns hier nicht weiter und verunsichern die Menschen nur unnötig.