Der #vegan-Hype oder wenn TV-Köche zu pubertierenden Jungs werden

Ich habe lange überlegt, ob ich mich zu diesem Thema äußere und so schreibe ich bereits geschlagene 2 Wochen an diesem Beitrag. Zu riskant scheint mir selbst meine Meinung – nicht, weil sie so extrem ist, sondern weil diese Thematik so beleidigend undifferenziert diskutiert wird. So undifferenziert, dass selbst erwachsene TV-Köche nicht umhin kommen, sich wie kleine Jungs aufzuführen. So undifferenziert, dass Sarah Wiener, die einen mutigen Artikel dazu verfasste, eine Welle der Entrüstung auslöste. So undifferenziert, dass die Huffington Post Opferbriefe veröffentlichen muss. Wenn Veganer auf Fleischesser trifft, ja wenn Essen zur Religion wird, dann scheint es oft vorbei mit der zivilisierten Kommunikation.

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Meist dachte ich mir, sei es drum. Sollen sie sich doch gegenseitig mit immer den gleichen Monologen und Argumenten versuchen zu bekehren. Obwohl, meist klagt die eine Seite an, während die andere – sich persönlich angegriffen fühlend – noch im selben Moment in den Verteidigungsmodus übergeht.

Und ich frage mich, wieso nicht jeder so essen kann und darf, wie er meint, dass es richtig für ihn ist? Vegetarier essen kein Fleisch. Veganer essen rein pflanzlich. Rawfoodler essen alles roh. Cleaneater alles clean. Die Frutarier ernähren sich von Früchten. Die Pescetarier essen auch kein Fleisch, dafür aber Fisch. Und nicht zu vergessen die Flexitarier, die nur selten, dann aber „gutes“ Fleisch essen (zu denen wohl auch ich gehöre). Und dann gibt es da noch die ganzen nährstoffbezogenen Ernährungsweisen: low fat und high carb, high fat und low carb, ketogen und kalorienarm. Und so weiter. So bunt wie das Essen selbst sind auch die Ernährungsformen. Eigentlich herrlich.

Und wie es mit den meisten Ansichten und Betrachtungsweisen so ist: jede dieser Ernährungsformen hat ihre Stärken und ihre Schwächen. Ja jede. Nur wie stark die Schwächen und Stärken für den Einzelnen ausgeprägt sind, hängt von jedem selbst ab: von der eigenen Gesundheit, von der eigenen Kultur und den eigenen (moralischen, gesellschaftlichen und ethischen) Werten, den eigenen Erfahrungen und den persönlichen Gegebenheiten, vom eigenen Geschmack und der eigenen Geschichte. Das ist privat und ziemlich persönlich, vielleicht sogar intim. Da hat sich im Grunde keiner einzumischen. Nur im Krankheitsfall – da gibt es Ausnahmen.

Und da bin ich bei dem, was mich an diesen ganzen Diskussionen rund ums „richtige Essen“ dann doch aufregt: Wieso glaubt eigentlich jeder, immer gleich die GESUNDHEITSKEULE schwingen zu müssen? Nein, Herr Hildmann, Fleisch macht nicht per se krank. Und der Verzicht macht nicht zwangsläufig gesund. Eier haben meist nichts mit hohen Cholesterinwerten zu tun. Und Milch ist nicht grundsätzlich gefährlich. Bratwürste verursachen nicht gleich Krebs und Käse keine Laktoseintoleranz. Genauso wenig wie Brot dumm und Gluten den Darm kaputt macht. Fett macht auch nicht fett und tierisches Protein keine Gicht. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

Auf der anderen Seite können wir bei unserem heutigen Lebensmittelangebot auf (viele) tierische Produkte verzichten, ohne unter einem Schmalspurspeiseplan zu leiden oder unsere Gesundheit zu beeinträchtigen. Und ja, viele unter uns könnten sich mehr Gedanken zu ihrem Konsum machen, mehr Bewusstsein zur Herkunft unseres Essens entwickeln und unseren Lebensmitteln mehr Wertschätzung entgegenbringen. Schlimm geht es in der Tierproduktion zu, mitunter grausam. Nichtsdestotrotz hat das jeder für sich zu entscheiden. Und es gibt (fast immer) Alternativen.

Eine ordentliche Portion Information gehört zur veganen Lebensweise dennoch dazu. Denn auch und gerade unter den veganen (Ersatz-)Produkten gibt es häufig qualitativ fragwürdige Produkte. Die Qualität eines Lebensmittels aber ist der eigentliche Schlüssel zur Gesundheit, wenn ich die Keule hier mal schwingen darf. Das gilt für alle Lebensmittel: für Obst und Gemüse, für Nüsse und Samen, für Milch und Milchprodukte, für Fleisch und Fisch, für Öle und Butter, für Pilze und Kräuter und für Soja, Saitan und Co. Für alle.

Und deswegen mag und achte ich Anhänger der verschiedensten Ernährungsweisen – wenn ihnen die Qualität ihrer Nahrungsmittel und Speisen am Herzen liegt. So stöbere ich gern in diversen Veganer-Blogs, die mich mit ihrer Kreativität und Liebe zum Essen einfach anstecken. Oder ich lasse mich auf Instagram von Veggie-Foodgrafikern inspirieren, weil sie einen faszinierenden und appetitanregenden Blick in ihre Bilder bringen. Weil sie Leidenschaft und Genuss vermitteln. Genauso aber fröne ich der traditionellen thüringischen Küche mit Bratwurst, Stracke und Co – nur eben sehr selten.

Wenn ihr andere an eurem Essstil teilhaben lassen wollt, dann tut dies nicht mit erhobenem Zeigefinger und nicht mit Arroganz und schon gar nicht mit der GESUNDHEITSKEULE, sondern mit Begeisterung, Leidenschaft und Respekt – Respekt der Freiheit des Einzelnen gegenüber, selbst über sein Essen entscheiden zu dürfen.