Viel Aufklärung = viel Verunsicherung?

Laut einer groß angelegten Umfrage sind 43% der Männer und über 50% der Frauen in Sachen Ernährung verunsichert. Nicht verwunderlich – dachte ich im ersten Moment ganz unbeeindruckt. 3 Stunden später lässt mich das Thema noch immer nicht los.

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Wenn ich mir überlege, dass wir über viele viele Jahre täglich mehrere Mahlzeiten zu uns nehmen, dann ist das erschreckend. Ich stelle mir das in etwa so vor, als würde mir ständig jemand sagen, ich würde falsch laufen oder müsste anders schlafen. Und wenn ich es ändere, ist es immer noch nicht richtig. Und das über Jahre. Wenn ich mir bei einem alltäglichen Ritual also nicht sicher sein kann, wie es richtig oder gut für mich ist oder schlimmer noch, dass es falsch ist und mich krank macht…autsch.

Ich frage mich, ob ich als Ernährungswissenschaftlerin auch zur Verunsicherung beitrage, denn eigentlich soll ich ja für Aufklärung sorgen. Ich wünschte, ich könnte das überzeugt verneinen. Aber dann denke ich an die Freitagvormittage, in denen ich Schulungen bei Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten halte. Und dann fällt mir ein, wie irritiert die Patienten sind, wenn sie hören, dass sie nun nicht auf Eier verzichten müssen. Weil es noch immer Ärzte gibt, die einen hohen Blutcholesterinspiegel auf das Frühstücksei zurückführen. Ich denke auch an die größer werdenden Augen, wenn ich ihnen erzähle, dass nicht der Schnittkäse oder die Butter ihren Herzinfarkt verursacht hat. Weil ihnen ihr Arzt doch gesagt hat, dass Butter pures Gift ist und nur Margarine ihr Herz schützt. Und ich denke an das ungläubige Kopfschütteln, wenn ich ihnen versuche zu erklären, dass fettarme Produkte zum Abnehmen nicht geeignet sind. Weil sie im Krankenhaus nach der OP als erstes auf eine fettarme Diät gesetzt wurden. Und da rede ich noch nicht einmal von all den täglichen Schlagzeilen, Werbeversprechungen und Diätwundern, die in die gleiche Kerbe hauen und den gleichen Bockmist verzapfen. Natürlich verunsichere ich diese Menschen mit meinen Aussagen zusätzlich. Aber was soll ich tun? Ihnen etwas eintrichtern, wovon ich selbst nicht überzeugt bin? Oder vehement meinen Standpunkt vertreten und über die Verunsicherung blind hinweggehen?

Ganz sicher nicht. Ich kann ihnen Mut zusprechen, gewisse Dinge einfach selbst auszuprobieren. Ich kann ihnen raten, das Gefühl zurückzuerobern, auf den eigenen Körper hören zu können und jede Empfehlung für sich kritisch zu hinterfragen. Ich kann sie darin bestärken, ihrem guten Instinkt zu folgen und den gesunden Menschenverstand zu nutzen, wenn ihnen wieder ein „gut gemeinter Ratschlag“ quer kommt.

Vielleicht ist das dann die eigentliche Aufgabe in meinem Job – den Patienten die Angst vorm Essen und ihre Verunsicherung zu nehmen und sie von Wertschätzung, Genuss und echtem Geschmack als wichtigsten Maßstab zu überzeugen. Wenn mir das dann gelingt, weiß ich, dass ich den richtigen Beruf habe.