Böses rotes Fleisch

Immer und wieder lese oder höre ich, dass rotes Fleisch eines DER Übeltäter für ein Gros unserer Zivilisationskrankheiten ist: es ist ursächlich an der Entstehung von Arteriosklerose beteiligt – es verstopft also unsere Gefäße. Und damit erhöht es das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall und natürlich pflastert rotes Fleisch den Weg des schleichenden Todes – nämlich den des Bluthochdrucks. Außerdem soll es Krebserkrankungen fördern – insbesondere Darm- und Blasenkrebs werden gern mit dem Konsum von rotem, bösem Fleisch in Verbindung gebracht. So mancher Medienbericht stellt gar die Behauptung auf, dass zahlreiche Todesfälle hätten verhindert werden können – wenn es nur dieses verdammte Fleisch nicht gäbe.

What?

tatar-teller-2Ja ich überspitze die Thematik vielleicht etwas. Aber dieses Rumgezeter wegen einem Lebensmittel und die mediale Schlammschlacht um prozentuale Risiken und Todesgefahren auf dem Teller regen mich auf. Ich will damit nicht behaupten, dass jeder ständig rotes Fleisch essen sollte. Im Gegenteil: ich befürworte den bewussten Verzicht – zurück zu mehr Wertschätzung und achtsamem Konsum. Aber deswegen handelt es sich noch lange nicht um krankmachendes Teufelszeug. Noch viel schlimmer wird es, wenn stattdessen der Verzehr von Geflügel angepriesen wird. Ach ja, ich vergaß: weißes Fleisch ist ja gesund. Da gibt es eine Portion Antibiotikum gleich kostenfrei dazu ;).

Liebe Medien und Berichterstatter, bitte recherchiert doch etwas sorgsamer die so gern zitierten Studien. Die meisten „sensationellen“ Erkenntnisse stammen aus simplen Beobachtungsstudien. Derartige Untersuchungen dienen vorrangig dazu, Zusammenhänge zu erkennen. Ist ein Zusammenhang erkennbar, wird dieser ANSCHLIEßEND und MEHRFACH in klinisch kontrollierten Studien überprüft – in der Regel ERST an Tieren und DANN am Menschen. Und WENN wir viele dieser Untersuchungen miteinander vergleichen und SCHLUSSENDLICH zu EINEM Ergebnis kommen, DANN können wir damit an die Öffentlichkeit gehen.

Für rotes Fleisch jedenfalls sind derartige Untersuchungen kaum vorhanden. Bis heute sind die genauen Hintergründe unbekannt. Die pro-schädlichen Argumente wie der hohe Gehalt am Mineralstoff Eisen, der hohe Anteil an gesättigten Fettsäuren oder die Bildung krebserregender Substanzen in Form von Nitrosaminen und heterozyklischen Aminen bei der Zubereitung treffen ebenso für andere Fleischarten zu. Dass hormonbelastete Hühnchen und gemästete Schweine weniger gesundheitsgefährdend als Rinderbraten sind halte ich schlichtweg für groben Unfug. Kein Fleisch, dass zur Schuhsohle gebraten wird, ist noch gesund. Kein gutes Pflanzenöl, dass zum Anbraten bei heißen Temperaturen verwendet wird, behält irgendwelche positiven Eigenschaften. Und kein Fleisch, das von Tieren aus der Massentierhaltung unter Mastfutter, Dauermedikation und unwürdigen Bedingungen produziert wurde, ist (noch) empfehlenswert.

Also doch ganz auf Fleisch verzichten? Ich denke, dass muss und sollte jeder für sich selbst entscheiden dürfen. Jeder trägt Verantwortung – für sich, für die Gesellschaft und für die Umwelt – inwiefern er dieser gerecht wird, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich habe für mich beschlossen, dass es eher auf die Qualität und weniger auf die Quantität oder gar die Ja- oder Nein-Frage ankommt. Ich esse deutlich weniger Fleisch als früher, meist 1 mal in der Woche. Geflügel kommt mir indes nicht mehr auf den Teller. Ansonsten ist mir eine gute Qualität wichtiger als irgendwelche Nitrosamine. Deswegen bevorzuge ich Fleisch von Weidetieren. Das klappt zwar nicht immer  – vor allem nicht in Restaurants. Wenn ich es aber selbst kaufe, dann esse ich es bewusst und ich genieße es in vollen Zügen. Dann esse ich auch böses leckeres rotes Fleisch.