Tageweise fasten – bringt das was?

Immer wieder stolpere ich über Artikel und Gesprächspartner, die das tageweise Fasten empfehlen. Beim Tagesfasten verzichtet man – wie der Begriff unschwer vermuten lässt – auf jegliche Nahrungszufuhr für genau einen Tag.

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 Die Argumente dafür lassen sich im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen:
  • das hält man schon mal gut durch und man spart gleich 2.000 Kalorien (oder mehr) ein
  • das reduziert das Hungergefühl für die nächsten Tage und vermindert den Süß-Appetit
  • das fördert die Leistungsfähigkeit
  • man kann gut und gerne 1 kg Gewicht an diesem Tag verlieren
  • man trainiert Durchhaltevermögen und Disziplin

An diese Argumente schließt sich meist der Ratschlag an, einen festen Fastentag in der Woche einzulegen. Wer den kompletten Nahrungsverzicht nicht durchhält, kann auch das Gemüsebrühe- oder Obstfasten als Fastentag einlegen. Mhm. Ich bin ja nun ein großer Fastenkritiker. Mir geistern Gegenargumente durch den Kopf:

  1. Der Körper reagiert nicht allein auf Kaloriensparen. Übergewichtige beweisen regelmäßig wieder, dass der Erfolg damit nicht garantiert ist. Vielmehr befürchte ich, dass der Stoffwechsel darunter auf lange Sicht eher leidet und den Grundumsatz (also den Energiebedarf am Tag in Ruhe) lieber drosselt oder die Muskeln angreift anstatt an die Fettreserven zu gehen. Stichwort Diätstoffwechsel und Jojo-Effekt.
  2. Das Hungergefühl und der Süß-Appetit lassen auch nach, wenn wir auf Zucker und schnell verfügbare Kohlenhydrate verzichten.
  3. 1 kg Gewicht an einem Tag zu verlieren kann irgendwie nicht gesund sein. Vermutlich ist die Abnahme zu einem Großteil auf den Verlust an Wasser zurückzuführen (Stichwort Kohlenhydrate binden Wasser). 1 kg (so sehnlich erwünschtes) reines Fett würde immerhin etwa 9.000 Kalorien bedeuten…
  4. Meiner Meinung nach hat das mit Durchhaltevermögen und Disziplin nicht viel zu tun – für eine gute Argumentation fehlt mir allerdings das psychologische Hintergrundwissen.
  5. Bei mir fördert das bestimmt nur die Leistungsfähigkeit in Bezug auf „ich muss ständig ans Essen denken“.

Also mache ich heute gleich den Selbsttest – zumindest bei den „weichen“ Faktoren kann ich meine eigenen Argumente überprüfen. Ich werde heute also nichts essen. Zu Trinken gibt es nur Tee, schwarzen Kaffee und Wasser.

8.00 Uhr am Morgen
Es geht los.
 
12.00 Uhr am Mittag.
Das erste Hungergefühl tritt auf. Es gelingt mir jedoch, das Gefühl durch gesteigerte Konzentration auf meine Arbeit mehr oder weniger zu ignorieren.
 
16.00 Uhr am Nachmittag
Argument 5 wackelt: zumindest bis jetzt denke ich nicht ständig ans Essen, auch wenn der Magen hier und da ordentlich geknurrt hat. Allerdings verspüre ich seit ca. einer Stunde Symptome einer Unterzuckerung. Mein Blutzuckermessgerät behauptet allerdings das Gegenteil und spuckt mir einen Wert von 88 mg/ dl aus. Na wenigstens das Gerät bekommt Futter…Könnte also auch der Blutdruck sein.
 
19.00 Uhr am Abend
Der Hunger bzw. die Unterzuckerung lässt nach. (Un-)Glücklicherweise geht es jetzt zum Bouldern. Sollte ich mich heute nicht mehr zurückmelden, bin ich vor Schwäche von der Wand gefallen.
 
22.00 Uhr am späteren Abend
Ich lebe noch. Mir war an der Wand kurz mal schwarz vor den Augen – Fasten am Klettertag ist also nicht besonders clever. Das Vorbeigehen am Dönerstand auf dem Nachhause-Weg war die letzte kleine Challenge. Jetzt ist es geschafft – kein Hunger, glücklich vom Auspowern. Mal sehen wie es mir morgen früh geht.
 
8.00 Uhr am nächsten Morgen
Mir geht es soweit gut. Um Mitternacht bin ich kurz mit einem Druckgefühl im Kopf aufgewacht, aber schnell wieder eingeschlafen. Ich habe weder Hunger noch irgendein Schwächegefühl.
 
Fazit
Ob so ein Fastentag etwas für Leistungsfähigkeit und Kognition bringt, kann ich für einzelnen Tag schwer abschätzen. Zumindest in einer Sache habe ich mich geirrt: Ich musste nicht ständig ans Essen denken – im Gegenteil: nicht darüber nachdenken zu müssen, was als Nächstes auf den Tisch kommt, war sogar erleichternd. Ich fühle mich auch einen Tag danach gut und leistungsstark. Von Schwäche keine Spur. Zudem verspürte ich gestern Abend so etwas wie ein leichtes Hochgefühl – das kann aber auch auf das Auspowern beim Bouldern zurückzuführen sein.
Die Ergebnisse reichen für eine grundsätzliche Empfehlung für einen Fastentag (bis jetzt) aber nicht aus. Ich bin mir auch relativ sicher, dass sich der Körper die Kalorien in den meisten Fällen auf eine andere Art und Weise wiederholt…